{"id":701,"date":"2023-06-06T21:01:09","date_gmt":"2023-06-06T19:01:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.queerpridedd.org\/?p=701"},"modified":"2023-06-06T21:01:10","modified_gmt":"2023-06-06T19:01:10","slug":"rede-zur-idahit-demonstration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.queerpridedd.org\/index.php\/2023\/06\/06\/rede-zur-idahit-demonstration\/","title":{"rendered":"Rede zur IDAHIT-Demonstration"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin eine Frau. Eine Frau die trans ist. Eine Frau, die mit einer transmaskulinen Person zusammen ist. Es ist sch\u00f6n eine Frau zu sein. Es ist sch\u00f6n trans zu sein. Es ist sch\u00f6n, ich zu sein. Es ist sch\u00f6n mit meine*r Partner*in zusammen zu sein. Ich bin gl\u00fccklich und stolz auf mich, meinen Weg bis hier hin gegangen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich zur\u00fcck gehe in meiner Biographie und wenn ich alle Erlebnisse meines Alltags betrachte, werde ich auch traurig, w\u00fctend und besorgt. Ich frage mich oft:<br>&#8222;Warum wurde ich so oft im Stich gelassen, wenn mich Menschen aufgrund meiner blo\u00dfen Existenz angegriffen haben?&#8220;<br>&#8222;Warum habe ich oft das Gef\u00fchl, mehr leisten zu m\u00fcssen als andere, um akzeptiert zu werden?&#8220;<br>&#8222;Warum habe ich oft das Gef\u00fchle, manche Menschen zu irritieren mit meinem \u00c4u\u00dferen, warum habe ich das Gef\u00fchl von manchen Menschen ohne Grund gehasst zu werden?&#8220;<br>&#8222;Warum lagen und liegen auf meinem Lebensweg mehr Steine als auf anderen Lebenswegen<em>?&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit 16 k\u00fcsste ich einen Mann. Er war sehr sch\u00f6n. Seine Augen strahlten blau. Der Kuss war eine Mutprobe. Anders w\u00e4re es nicht gegangen. Die Umstehenden fanden es eklig. Sie lachten uns aus. Aus der Zuneigung durfte keine Liebe werden, schon der Kuss erforderte Mut. Das war 2007.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war nicht das erste Mal, als ich sp\u00fcrte, dass ich anders bin. Und dass anders-sein weh tun kann. Sehr sogar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon zwei Jahre zuvor erlebte ich Ablehnung durch meine Mutter aufgrund meiner sexuellen Orientierung (Ich mochte Frauen und M\u00e4nner) und wegen weiblicher Verhaltensweisen. Das machte mir Angst. Trotzdem fehlte mir nicht der Mut zur Mutprobe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Kindergarten wurde ich geschlagen und an den Haaren gezogen, weil ich nicht mit den Jungen spielen wollte, sondern mit den anderen M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich frage mich wieder: Woran orientierst du dich, wenn die Suche nach Orientierung zu seelischen Schmerzen f\u00fchrt? Wenn du ausgelacht und angefeindet wirst, weil du so auftrittst wie du bist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damals als Kind hatte ich im TV Menschen gesehen, die cis M\u00e4nner waren, aber trans Frauen darstellen wollten \u2013 oder anders gesagt: ich habe cisgeschlechtliche Fantasien \u00fcber trans Frauen gesehen. Die Darstellung war exotisierend, fetischisierend, teilweise vulg\u00e4r, problematisierend und kriminalisierend. In den Serien, Filmen und Talkshows wurden sie ausgelacht und dargestellt wie Freaks. Diese Phantasiedarstellungen sind es, an die Menschen auch heute noch denken, wenn sie das Wort trans Frauen h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute werden trans Frauen meist nicht mehr von cis m\u00e4nnlichen Schauspielern repr\u00e4sentiert. Aber der Schaden ist angerichtet. Die Entschuldigungen fehlen. Vor ein paar Wochen hat Thea Ehre (eine \u00f6sterreichische Schauspielerin), den goldenen B\u00e4ren gewonnen. Das tat gut. Es gibt so viele erfolgreiche trans Personen, doch es ist schwer f\u00fcr uns sichtbar zu werden, in einer Welt, in der es Menschen gibt, die uns unsere Existenz absprechen und in der uns eigentlich freundliche Menschen nicht zu Hilfe eilen. Wir bieten Sichtbarkeit, brauchen aber auch Schutz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem ich 2022 in einem akademischen Lehrkrankenhaus vom Pflegepersonal der Station, auf der ich gearbeitet habe, angefeindet wurde, weil diesen eine Frau mit ehemals falschem Zuweisungsgeschlecht nicht ganz geheuer erschien, telefonierte ich mit zwei Ober\u00e4rzt*innen. Beide zeigten sehr viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die diskriminierenden Personen. Dem Oberarzt fiele es auch schwer, mich als Frau anzusprechen und es sei ja wie mit den Behinderten, Dementen, Schizophrenen und Ausl\u00e4ndern: sie w\u00fcrden behandelt wie Dreck. Was er dagegen tun wollte, verriet er unterdessen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ober\u00e4rztin verriet, dass sie selbst nicht sicher sei, ob die Patient*innen Transitionen verstehen w\u00fcrden. Insgesamt sei ich auch zu emotional bei dem Thema.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das eigentlich Schlimme war, dass mich beide vor dem Vorfall sehr unterst\u00fctzt haben,aber sich sp\u00e4ter nicht mehr vor mich stellten, um mich zu sch\u00fctzen, sondern sich in erster Linie nur selbst sch\u00fctzen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was am meisten schmerzte, war die fehlende Unterst\u00fctzung als es in diesem Arbeitskampf darauf an kam. Von meinen damaligen Freundinnen in der Klinik hab ich mich getrennt. Die Beziehungen zerbrachen an der Furcht meiner Freundinnen, ebenfalls angefeindet zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Gerichtsverfahren rief ich beim Gericht an, von der Sachbearbeiterin wurde ich versehentlich, jedoch mit s\u00fcffisantem Unterton als &#8222;Herr&#8220; angesprochen. Sie entschuldigte sich, nachdem ich sie korrigierte. Trotz des Wissens um meine Identit\u00e4t nahm es sich die Person heraus, mich nach ihrem eigenen Gutd\u00fcnken zu bezeichnen. Wen interessiert es schon, wie es mir dabei geht? Es sind auch die kleinen Untert\u00f6ne, Missgeschicke, manchmal unbeabsichtigten \u00c4u\u00dferungen, Fragen und Aussagen, die weh tun, weil sie sich mit der Zeit anh\u00e4ufen wie der Dreck in einer studentischen WG-K\u00fcche, in der nie gekehrt wird und wenn, dann unter den Teppich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neulich bin ich die Treppe in dem Haus hinunter gegangen. Am Ende traf ich auf einen jungen cis Mann, der mir ungefragt sagte, dass ich mich (als trans Frau) gut entwickelt h\u00e4tte und wirklich gut aussehen w\u00fcrde. Und wieder frage ich mich: woher kommt diese \u00dcberheblichkeit eines offensichtlich durchschnittlichen jungen wei\u00dfen Mannes, der in einer ostdeutschen Gro\u00dfstadt sein Dasein fristet?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wahrscheinlich kann er gar nichts daf\u00fcr, die Absurdit\u00e4t seines Verhaltens ist ihm wahrscheinlich gar nicht bewusst, weil er sich einfach so f\u00fcr einen Teil einer Gruppe h\u00e4lt, die f\u00fcr sich beansprucht beurteilen zu d\u00fcrfen, wann eine Transition als &#8222;gut&#8220; zu bewerten ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Freundin von mir hielt auf einem B\u00fcrger*innensteig die Hand einer Freundin und wurde darauf hin verbal und lautstark von einem cis Mann beleidigt. Als sie zur\u00fcck br\u00fcllte wurde ihr vermittelt, dass sie zu stark reagieren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich mein*e Partner*in auf dem B\u00fcrger*innensteig k\u00fcsste, wurden wir von fremdem cis M\u00e4nnern lautstark bejohlt und beklatscht. Offenbar hielten sie uns f\u00fcr zwei cis Frauen. Ich m\u00f6chte gar nicht wissen, was in deren K\u00f6pfen vorging. Und doch kommen unweigerlich wieder Fragen auf:<br>Warum erleben Angeh\u00f6rige der LGBTQIA+-Community diese Reaktionen? Ist es, weil wir leben, wie wir es m\u00f6chten? Ist es, weil wir attraktiver sind, als queerfeindliche Menschen es glauben wollen? Ist es, weil wir mit uns selbst zufrieden sind? Ist es, weil feindselige Menschen kein Ventil f\u00fcr ihren Selbsthass oder ihren eigenen Schmerz finden? Oder ist es einfach, weil wir nicht sind, wie die heteronormativ gepr\u00e4gte Mehrheitsgesellschaft sich das vorstellt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahren hat sich manches zum Besseren gewandelt. Wir befinden uns einem Prozess der positiven gesellschaftlichen, rechtlichen und politischen Ver\u00e4nderung. Genau das ruft jedoch Menschenfeind:innen und ewig Gestrige auf den Plan. Ich spreche von Terfs (transexkludierenden radikalen Pseudofeminist*innen), Rechtsradikalen, Frauenfeind*innen, homophoben Menschen und anderen queerfeindlichen Menschen, die unsere Rechte beschneiden und unsere W\u00fcrde untergraben wollen. Sie beginnen mit ihrer Hetze bei den vermeintlich Schw\u00e4chsten: transgeschlechtlichen Frauen. Wir lassen uns als LGBTQI+-Community nicht spalten, da wir wissen, dass auch andere Mitglieder unserer Community f\u00fcr ihre Rechte k\u00e4mpfen mussten und gr\u00f6\u00dftenteils immer noch m\u00fcssen. Gemeinsam sind wir stark f\u00fcr die W\u00fcrde aller Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei all den Erlebnissen bleibt die schmerzvollste Erfahrung, von Unbeteiligten keine Unterst\u00fctzung erhalten zu haben. Dabei gibt es doch f\u00fcr diese vielen Fragen einen einfachen Wunsch als Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche mir von allen anst\u00e4ndigen Menschen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bitte seid mutig, steht f\u00fcr eure Freund*innen ein, die lesbisch, schwul, bi, pan oder asexuell, trans, geschlechtsinkongruent, non-bin\u00e4r, agender oder inter und queer sind. Am Arbeitsplatz, in den Medien, bei Gespr\u00e4chen mit Unwissenden \u2013 nicht nur im Privaten. Vor allem dann, wenn ihr etwas verlieren k\u00f6nntet. Wenn ihr euch f\u00fcr uns angreifbar macht. Wir stehen jeden Tag f\u00fcr uns ein. Oft ganz alleine. Das kostet Kraft und tut weh. Manchmal so viel, dass wir am Ende des Tages \u00fcberhaupt keine mehr haben. Das ist die Kraft, mit der Personen, die der Mehrheitsgesellschaft angeh\u00f6ren, ihre Kinder erziehen und ihre Jobs meistern. Diese Kraft m\u00fcssen wir oft f\u00fcr die Verteidigung unserer blo\u00dfen Existenz aufbringen. Zur privilegierten Mehrheitsgesellschaft zu geh\u00f6ren und nicht f\u00fcr Minderheiten zu k\u00e4mpfen, ist feige und egoistisch. IDAHIT ist nicht nur heute, sondern jeden Tag, und geht nicht nur queere Menschen etwas an, sondern viel mehr Angeh\u00f6rige des privilegierteren Teils unserer Gesellschaft. Es sind Teile der cis-hetero-Gesellschaft und deren fehlende Unterst\u00fctzung, vor denen wir uns immer wieder verteidigen und sch\u00fctzen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin eine Frau. Eine Frau die trans ist. Eine Frau, die mit einer transmaskulinen Person zusammen ist. Es ist sch\u00f6n eine Frau zu sein. Es ist sch\u00f6n trans zu sein. 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