{"id":631,"date":"2023-03-11T17:38:30","date_gmt":"2023-03-11T15:38:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.queerpridedd.org\/?p=631"},"modified":"2023-03-11T17:38:31","modified_gmt":"2023-03-11T15:38:31","slug":"queerfeindlichkeit-und-patriarchat-unser-redebeitrag-zum-8-maerz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.queerpridedd.org\/index.php\/2023\/03\/11\/queerfeindlichkeit-und-patriarchat-unser-redebeitrag-zum-8-maerz\/","title":{"rendered":"Queerfeindlichkeit und Patriarchat \u2013 unser Redebeitrag zum 8. M\u00e4rz"},"content":{"rendered":"\n<p>Hallo zusammen! Wir von der Queer Pride Dresden begr\u00fc\u00dfen euch hier am K\u00f6nig*innenufer und freuen uns auf eine k\u00e4mpferische Demo. Wir m\u00f6chten unseren Redebeitrag \u00fcber Queerfeindlichkeit und Patriarchat mit einem Zitat von Simone de Beauvoir einleiten: \u201eMan wird nicht als Frau geboren, man wird zu ihr gemacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Warum dieses Zitat? Es fasst ein fundamentales Problem zusammen, das wir mit dem Patriarchat haben. Denn das kapitalistische Patriarchat sortiert uns in zwei Geschlechter ein. Aus dieser Trennung erwachsen zugleich Zuschreibungen, Zw\u00e4nge und Unterdr\u00fcckung. So wird Frauen die Verantwortung f\u00fcr alle Reproduktionsarbeit aufgehalst, also sowas wie Essen kochen, sich um saubere W\u00e4sche k\u00fcmmern oder Pflege von Angeh\u00f6rigen. Also alles, was neben der Produktionsarbeit noch gebraucht wird, um die kapitalistische Verwertungsmaschinerie am Laufen zu halten. Das Praktische dabei ist, dass diese ganze Haus- und Care-Arbeit dabei gleichzeitig zur individuellen Privatangelegenheit erkl\u00e4rt wird. Praktischerweise \u2013 also zumindest f\u00fcr das Kapital \u2013 spart man sich damit auch die Entlohnung f\u00fcr den ganzen Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese zugewiesenen Geschlechterrollen entwickeln ein interessantes Eigenleben. Sie wandeln sich zusammen mit der Entwicklung des Kapitalismus. So streifen sie hin und wieder veraltete Zuschreibungen oder ideologische Begr\u00fcndungen f\u00fcr ihre Existenz ab, und gewinnen im Gegenzug neue dazu. Aber noch bei jeder H\u00e4utung haben sie es geschafft, sich als die vermeintlich nat\u00fcrlichste Unterteilung der Menschen zu bewahren. So erhalten sich die Geschlechterhierarchie und die auf ihr basierende kapitalistische Ausbeutung gegenseitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was hat das jetzt mit uns queeren Menschen zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem bin\u00e4ren Geschlechtssystem eng verbunden ist die heterosexuelle Beziehung als Normzustand, denn hier funktioniert die Auftrennung in bezahlte Lohnarbeit und unbezahlte Reproduktionsarbeit am besten. Je nach Argumentation wird das dann als Gott- bzw. naturgegegeben rechtfertigt und gleichzeitig Homofeindlichkeit best\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle das jetzt alles etwas allgemein dar, auch in dem Wissen, dass nat\u00fcrlich nicht nur cis M\u00e4nner schwul und nicht nur cis Frauen lesbisch sind.&nbsp; Aber wenn ich auf alle Feinheiten eingehe dann dauert das den ganzen Tag, und es gibt noch so viele andere tolle Redebeitr\u00e4ge heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwulenfeindlichkeit im Besonderen stellt homosexuelle M\u00e4nner als weniger m\u00e4nnlich dar. Sie soll M\u00e4nner dazu zu bringen, sich in Abgrenzung zu Weiblichkeit zu definieren und Weiblichkeit gleichzeitig abzuwerten.<\/p>\n\n\n\n<p>Lesbenfeindlichkeit hingegen hat die Besonderheit, dass sie sich gegen Frauen richtet, die sich der heteronormativen Reproduktionslogik entziehen. Au\u00dferdem scheint es ein pers\u00f6nlicher Affront gegen einige unsichere M\u00e4nnern zu sein, dass Frauen es auch nur wagen k\u00f6nnten, sie nicht attraktiv zu finden. (Arme fragile Menners).<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun zum neuen hei\u00dfen Thema von Konservativen und Reaktion\u00e4ren: trans Menschen<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde dazu erst ein bisschen auf die unterschiedlichen Erfahrungen von trans Frauen, trans M\u00e4nnern und nichtbin\u00e4ren Menschen eingehen. Am Ende geht es dann um den aktuellen transfeindlichen Backlash.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein durch unsere pure Existenz droht die Willk\u00fcr bei der patriarchalen Geschlechtertrennung aufzufliegen. Das w\u00e4re ein katastrophaler R\u00fcckschlag f\u00fcr den symbiotischen Pakt zwischen Kapitalismus und m\u00e4nnlichem Chauvinismus und muss also verhindert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie homosexuelle Menschen werden transmaskuline Personen h\u00e4ufig als Gefahr f\u00fcr das Aussterben der Menscheit dargestellt. Bei ihnen wird dann von in Anf\u00fchrungenzeichen &#8222;irreparablen Sch\u00e4den&#8220; f\u00fcr ihre F\u00e4higkeit, schwanger zu werden, geredet. Wir sagen klar: selbst wenn man durch eine Transition unfruchtbar wird, geht das den Papst oder den Staat einen Schei\u00dfdreck an. Genau wie bei Abtreibungen geht es hier geht es um k\u00f6rperliche Selbstbestimmung!<br>Aus vorgeblich feministischen Kreisen wird trans M\u00e4nnern manchmal der absurde Vorwurf gemacht, sie wollten sich durch die Transition &#8222;unverdiente Privilegien&#8220; aneignen. Mal abgesehen von der leidvollen Erfahrung, dass das in der Realit\u00e4t nicht funktioniert: Wir halten es auch f\u00fcr ein paradoxe Vorstellung, man k\u00f6nne im fremdbestimmten Geschlecht besser gegen Unterdr\u00fcckung k\u00e4mpfen. Noch dazu blendet dieser Vorwurf aus, was alles an feministischer Arbeit durch trans-maskuline Menschen passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Unterdr\u00fcckung von trans femininen Menschen werden oft essentialistische Stereotypen in Stellung gebracht. Es wird zun\u00e4chst behauptet, M\u00e4nner seien inh\u00e4rent gef\u00e4hrlich und gewaltt\u00e4tig, als n\u00e4chstes trans feminine Menschen mit ihnen gleichgesetzt. Sie gelten dann ebenfalls als inh\u00e4rente Gefahr f\u00fcr cis Frauen, was sich prima zur Panikmache \u00fcber trans Frauen in Frauen-exklusiven R\u00e4umen eignet. In Wirklichkeit zeigen die dazu durchgef\u00fchrten Studien konstant, dass trans Frauen keine Bedrohung f\u00fcr cis Frauen darstellen, jedoch trans Frauen in R\u00e4umen f\u00fcr M\u00e4nner (M\u00e4nnerklos, Umkleiden, Gef\u00e4ngnisse, etc.) einem gigantisch erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr sexualisierte Gewalt ausgesetzt sind. Eine Forderung nach unserem Ausschluss aus Frauenr\u00e4umen ist also eine indirekte Forderung nach Gewalt gegen uns.\u00a0<br>Und auch gegen trans feminine Menschen spielt wieder Homofeindlichkeit und die enorme Unsicherheit von hetero cis M\u00e4nnern mit rein. Sie haben anscheinend panische Angst davor, eine trans Frau attraktiv finden zu k\u00f6nnen und damit ihre M\u00e4nnlichkeit und ihre Position in der Geschlechterhierarchie zu gef\u00e4hrden. Trans feminine Menschen bekommen dies allt\u00e4glich als Beleidigungen und Gewalt zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Last but not least sind auch nichtbin\u00e4re Menschen mit dem Zwang zum eindeutigen Geschlecht konfrontiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihnen wird mit Unverst\u00e4ndnis begegnet und sie werden in bin\u00e4re Kategorien gesteckt, um die willk\u00fcrliche Geschlechtertrennung aufrecht zu erhalten. Sowohl in den K\u00f6pfen der Menschen, als auch auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene. So wird nichtbin\u00e4ren Menschen oft transitionsbezogene Medizin verweigert, weil sie ja keinen in Anf\u00fchrungszeichen \u201erichtigen\u201c Wechsel zu Mann oder Frau wollen. Abstruserweise bekommen im Gegenzug nichtbin\u00e4re Menschen, die keine medizinische Transition wollen, oft genug zu h\u00f6ren, dass sie blo\u00df oberfl\u00e4chlich auf einen Trend aufspringen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist schon ein geiler Trend: wer will denn nicht \u00fcberall \u00fcber Genitalien ausgefragt werden? Voll hip, sich erstmal selbst Expertise zu hormonbezogenen K\u00f6rperver\u00e4nderungen anzulesen, damit beim n\u00e4chsten Besuch in der Praxis nicht wieder eine falsche Behandlung vorgeschlagen wird. Und von den ganzen fancy Diskriminierungen bei Beh\u00f6rden k\u00f6nnen altmodische Menschen ja nur tr\u00e4umen, oder?!<\/p>\n\n\n\n<p>Nochmal zusammengefasst: Das Ziel von Transfeindlichkeit ist es, den selbstbestimmten Zugang zu Geschlechtern zu verbieten, um die patriarchale soziale Ordnung aufrecht zu erhalten. Das Herumprobieren, Spielen und Brechen mit Geschlechternormen und Geschlechtsdarstellung soll unterbunden werden. Damit niemand die zugeschriebenen Rollen hinterfragt und diese S\u00e4ule von Unfreiheit und Unterdr\u00fcckung endlich umst\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Transfeindlichkeit ist patriarchale Gewalt und sie f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig zu k\u00f6rperlicher Gewalt. Erst k\u00fcrzlich gipfelte sie in Gro\u00dfbrittannien wieder in einem Mord. Das 16 j\u00e4hrige trans M\u00e4dchen Brianna Ghey wurde am 11. Februar von zwei 15-j\u00e4hrigen Mitsch\u00fcler*innen in einem Park erstochen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen feststellen: Die organisierte Transfeindlichkeit ist l\u00e4ngst bei uns angekommen. Alice Schwarzer und J.K. Rowling d\u00fcrfen in jeder zweiten Talkshow ihre transfeindliche Meinung verbreiten. Das Ziel dieses transfeindlichen Backlashs ist es, uns trans Menschen auf allen Ebenen aus der \u00d6ffentlichkeit zu verbannen. Der Zugang zu \u00f6ffentlichen R\u00e4umen soll uns verwehrt werden.\u00a0Die transitionsbezogene Medizin soll extrem restriktiv ausgegeben oder sogar verboten werden. Das allgemeine Klima in der \u00d6ffentlichkeit soll so harsch uns gegen\u00fcber werden, dass wir nicht mehr unser authentisches Leben leben k\u00f6nnen. Wenn transfeindliche Leute behaupten, dass sie uns sowieso immer erkenen, dann ist das keine faktische Aussage. Es ist eine Aussage ihrer Intention. Unser Leben soll solange erschwert werden, bis wir nicht mehr offen trans sein k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch hier vor Ort tritt Transfeindlichkeit offen zu Tage. Der Leiter der Jugendpsychiatrischen Klinik hier in der Uniklinik Dresden wurde in einem transfeindlichen Artikel in der SZ interviewt, zu dem wir als Queer Pride einen offen Brief geschrieben haben. Die NPD gibt in D\u00f6beln den Einpeitscher auf der Stra\u00dfe, w\u00e4hrend ihre Kameraden von der AfD im Landtag nach der Anzahl der trans Menschen in Sachsen fragen. Nur wenn man wieder Listen f\u00fchren kann, scheint der verderbte und vertranste Volksk\u00f6rper noch zu retten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich stehe hier als die Frau die ich bin. Ich zeige mich. Ich werde mich nicht verstecken und ich werde nicht verstummen. Das kann ich, weil nicht alle in dieser Gesellschaft transfeindlich sind. Es sind wenige, die hassen. Leider sind es oft die Lautesten. Deshalb danke ich euch, danke ich allen, die sich gegen den Hass stellen. H\u00f6rt nicht auf, uns zu sehen, solidarisch mit uns zu sein und euch mit uns der Ungerechtigkeit entgegenzustellen!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall auf der Welt will das kapitalistische Patriarchat seine Macht erhalten \u2013 doch \u00fcberall auf der Welt wehen ihm die bunten Farben des feministischen Widerstands entgegen. Egal ob trans, bi, lesbisch, schwul, nonbinary, agender, intersexuell oder hetero oder cis \u2013 niemand kann frei sein, solange es nicht alle sind. Wir alle m\u00f6chten w\u00fcrdevoll in einer gerechten und friedlichen Welt leben. Deswegen: lasst uns f\u00fcreinander einstehen und unsere K\u00e4mpfe verbinden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der 8. M\u00e4rz und diese Kundgebung sind ein wunderbarer Ausdruck dieser Verbindung. Wir stehen zusammen mit euch im Kampf um Gleichberechtigung und ein Ende von Diskriminierung, Ausbeutung und Krieg!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen nicht nur reagieren und Schlimmeres abwendenden, sondern f\u00fcr das bessere Leben f\u00fcr alle eintreten. Nicht nur in Dresden, nicht blo\u00df in Deutschland, nicht allein in Europa, sondern auf der ganzen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr Freiheit, Selbstbestimmung und internationale Solidarit\u00e4t!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo zusammen! Wir von der Queer Pride Dresden begr\u00fc\u00dfen euch hier am K\u00f6nig*innenufer und freuen uns auf eine k\u00e4mpferische Demo. Wir m\u00f6chten unseren Redebeitrag \u00fcber Queerfeindlichkeit und Patriarchat mit einem Zitat von Simone de Beauvoir einleiten: \u201eMan wird nicht als Frau geboren, man wird zu ihr gemacht.\u201c Warum dieses Zitat? 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