{"id":877,"date":"2023-06-22T21:34:47","date_gmt":"2023-06-22T19:34:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.queerpridedd.org\/?page_id=877"},"modified":"2023-06-23T22:22:28","modified_gmt":"2023-06-23T20:22:28","slug":"redebeitrag-rar","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.queerpridedd.org\/index.php\/redebeitrag-rar\/","title":{"rendered":"Redebeitrag RaR"},"content":{"rendered":"\n<p>Hallo, das ist das erste Mal, dass ich ein Rede bei einer Demo halte. Ich hatte schon seit mehreren Jahren das Gef\u00fchl, dass ich etwas zu sagen habe und so langsam finde ich Worte, um meinen Gef\u00fchlen Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe hier heute vor allem f\u00fcr mich selbst, denn ich bin verletzt und w\u00fctend und ich m\u00f6chte dieser Verletztheit und dieser Wut Ausdruck verleihen und damit gesehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes werde ich \u00fcber die Verletzung reden und danach \u00fcber meine Wut.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche kennen das vielleicht, wenn man auf der Stra\u00dfe von fremdem Menschen etwas l\u00e4nger angeschaut wird als eigentlich n\u00f6tig w\u00e4re und diese Blicke nicht von Interesse und Freundlichkeit zeugen, sondern von Ekel, Verwirrung und Emp\u00f6rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art der Blicke kenne ich mittlerweile nur allzu gut. Sie wurden mehr, als ich mir vor einigen Jahre meiner Haare kurz rasierte, sie wurden mehr, als ich begann mich so anzuziehen, wie es mir gef\u00e4llt und sie wurden mehr, als ich letztes Jahr von Osnabr\u00fcck nach Dresden zog.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal geht es weiter als Blicke, schon \u00f6fter wurde ich von fremden Menschen, vor allem in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, intime Fragen gefragt wie: \u201cBist du ein Mann oder eine Frau?\u201d, \u201cschade du bist h\u00fcbsch\u201d, \u201cWie ist das eigentlich bei dir vom Ph\u00e4notyp\u201d?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kleinen, aus Ignoranz geborenen Seitenhiebe tun weh, weil sie immer und immer wieder den selben Punkt treffen. Diese Mikroaggressionen machen mir Angst, vor noch gr\u00f6\u00dferen Aggressionen. Und plump gesagt, sie fucken mich ganz einfach ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer versteht wen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich identifiziere so ziemlich auf allen Ebenen als Queer.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor kurzem habe ich nochmal reflektiert und \u00fcber mein Leben nachgedacht und ein Muster darin entdeckt. Mein ganzes Leben habe ich versucht, die Mehrheit, die Norm, zu verstehen. Wie ist es f\u00fcr eine Frau, einen Mann gut zu finden? Wie ist es, cis zu sein? Es war ein langer Prozess und zu einem gewissen Grad, denke ich, kann ich mich die Norm hineinversetzen. Ich habe schlie\u00dflich lange genug versucht mich anzupassen und nicht aufzufallen\u2026 einfach &#8222;normal&#8220; zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist mir aber noch etwas aufgefallen: Es reicht mir, ich bin ersch\u00f6pft und m\u00fcde. Ich bin m\u00fcde davon, mich immer wieder in Menschen hineinzuversetzen, vor allem wenn oft so viel weniger zur\u00fcckkommt. Es ist l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, dass die Mehrheit versucht die Minderheiten verstehen, nicht nur in queeren Kontexten.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe nichtqueers: bildet euch! und versucht die Lebensrealit\u00e4ten von queeren Menschen und auch anderen Minderheiten besser zu verstehen. Bildet euch und bildet euch vor allem selbstst\u00e4ndig! N\u00f6tigt queere Menschen nicht, die ganze Bildungsarbeit f\u00fcr euch zu \u00fcbernehmen. Es ist extrem anstrengend, erm\u00fcdend und frustrierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur im Thema Bildung wird oft die Verantwortung auf die Betroffenen abgew\u00e4lzt. Auf meinem pers\u00f6nlichen Weg in Bezug auf Geschlecht wurde immer wieder die folgende Frage an mich herangetragen: G\u00e4be es wohl noch trans menschen, wenn die Gesellschaft anders w\u00e4re, wenn sie egalit\u00e4rer w\u00e4re, wenn sie nicht so rigide Geschlechternormen h\u00e4tte? G\u00e4be es dann immer noch Menschen, die das Bed\u00fcrnis h\u00e4tten, ihren K\u00f6rper zu ver\u00e4ndern, ihr \u201eGeschlecht zu wechseln\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann die Frage auch ander stellen: Sind die Narben auf den K\u00f6rpern von trans Menschen eigentlich Narben die von den Wunden des st\u00e4ndigen Hasses, des st\u00e4ndigen Dr\u00e4ngens, sich zuzuordnen, zur\u00fcckbleiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist zwar eine sehr interessante und wichtige Fragen aber momentan ist sie irrelevant. Denn Fakt ist, dass die Gesellschaft nicht anders ist, sondern: sie ist wie sie jetzt ist. Und jetzt momentan wird anders sein noch durch gro\u00dfe und kleine Gesten bestraft und man kann in seinem Entscheidungsprozess nicht davon ausgehen, dass sich das in ein paar Jahren radikal \u00e4ndern wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Priorit\u00e4ten und Wut<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist die Priorit\u00e4t, nicht \u00fcber solche Fragen ewig zu philosophieren, sondern eine gerechtere selbstbestimmte Gesellschaft zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00f6sung ist nicht, Zugang zu k\u00f6rperangleichenden Ma\u00dfnahmen zu erschweren und cis Therapeut*innen in Zwangstherapien dar\u00fcber entscheiden zu lassen, wer jetzt trans genug ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sondern die L\u00f6sung ist es, die Rigidit\u00e4t der Geschlechterrollen aufzuweichen. Damit meine ich nicht, sie aufzul\u00f6sen, damit meine ich Graustufen und und Buntheit zulassen zu k\u00f6nnen, Unterschiedlichkeit willkommen hei\u00dfen und zu feiern. Denn Diversit\u00e4t ist nunmal genau das: voll feierlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind die Umst\u00e4nde die mich oft verletzen. Jetzt m\u00f6chte ich \u00fcber Wut sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem bei strukturell diskriminierten Gruppen wird oft deren Wut ins L\u00e4cherliche gezogen. Das ist eine sinnvolle Taktik, wenn man jemanden in einer untergeordneten Position behalten will, denn Wut ist stark und da, um uns zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten zwei Jahren habe ich angefangen meine Wut wieder neu kennenzulernen. Sie ist mir wohl, wie so vielen weiblich sozialisierten Menschen, zumindest teilweise aberzogen worden. Auch in meiner Kindheit habe ich meistens eher zerst\u00f6rerische Wut kennengelernt, wodurch diese f\u00fcr mich eine negative Konnotation bekommen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile sehe ich, dass Wut unglaublich super, unglaublich stark und unglaublich wichtig ist. Wut schafft Klarheit und zeigt uns, wo eine Grenze erreicht ist und gibt uns die Kraft, diese zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Empowerment<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich will euch dazu ermutigen w\u00fctend zu sein, zu sagen: die Grenze ist erreicht, es muss sich was \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will euch ermutigen euch mit eurer Wut anzufreunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich so meine Wut in den letzten Jahren mehr und mehr kennengelernt habe, hab ich erkannt, dass diese eine klare, starke und auch sanfte Qualit\u00e4t hat. Sie hilft mir aus einer gel\u00e4hmten Opferposition, in der es auch manchmal sehr gut und valide ist eine Zeit zu verharren, in eine sch\u00f6pferische Haltung zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit m\u00f6chte ich noch einmal Werbung f\u00fcr die queere Hochschulgruppe machen, die ich vor einigen Wochen und mit Hilfe einiger Menschen mit genau dieser Kraft wiederbelebt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gruppe hei\u00dft Radicals Rainbows, was mich sehr gl\u00fccklich macht. Wir sind zwar queer und cute aber wir sind auch radikal und w\u00fctend.<\/p>\n\n\n\n<p>Falls ihr eine queer Community sucht, kommt vorbei, wir teffen uns immer am ersten Mittwoch im Monat um 18 Uhr bei der Stura-Baracke, ihr findet uns aber auch bei Instagram.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt w\u00fctend und bildet Banden!<\/p>\n\n\n\n<p>Danke f\u00fcr eure Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, das ist das erste Mal, dass ich ein Rede bei einer Demo halte. Ich hatte schon seit mehreren Jahren das Gef\u00fchl, dass ich etwas zu sagen habe und so langsam finde ich Worte, um meinen Gef\u00fchlen Ausdruck zu verleihen. 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